4. Ankunft in Ashdod

Der rechtsextremistische religiös-fundamentalistische israelische Polizeiminister Ben-Gvir im Hafen Ashdod: Videos der Gekidnappten veröffentlichte er auf X

Trigger Warnung: Beschreibung physischer und psychischer Gewalt

Die schlimmste Befürchtung der Gefangenen auf dem Folterschiff wurde am zweiten Morgen wahr, dem 20. Mai. Wir legten im israelischen Hafen Ashdod an, südlich von Tel Aviv. Mit Kabelbindern gefesselt knieten wir mehr als eine Stunden lang auf dem Stahldeck des Schiffs, den Kopf am Boden, Sonnenbrand auf dem Rücken. Einigen Menschen waren die Arme schmerzhaft hinter dem Rücken zusammengebunden. Ich hatte erstmals richtig Angst. Würde die Gewalt immer noch weiter zunehmen? Würde ich bleibende Schäden davontragen? Würde ich die Standhaftigkeit, Beharrlichkeit und Ausdauer haben, die auf Arabisch Sumud genannt wird?

Zahlreiche Personen erwarteten die Ankunft des Folterschiffs am Ufer – auch der Polizeiminister Ben-Gvir, wie wir später erfuhren. Auf X postete er ein Video der menschenunwürdigen Behandlung, die vom deutschen Botschafter in Israel als “gänzlich inakzeptabel und inkompatibel mit den grundlegenden Werten Deutschlands und Israels” bezeichnet wurde. Großbritannien verurteilte, dass “die grundlegendsten Maßstäbe von Respekt und Menschenwürde” verletzt wurden. Der US-Botschafter verurteilte Ben-Gvirs Verhalten als “verabscheuungswürdig”. Er habe “die Würde seiner Nation verraten”.

In Ashdod drückten zwei Soldaten meinen Nacken gewaltsam nach unten, trieben mich zu einem großen weißen Zelt. Ich verlor den Boden unter den Füßen, sie nahmen mich auf Schulterhöhe und schleuderten mich auf den Betonboden im Zelt. Ich konnte abrollen, aber die Rippen unter dem linken Arm schmerzten, eine Rippenprellung, wie ein Orthopäde später feststellte.

Ankunft des Gefängnisschiffs: Friedliche Gefangene werden gewaltsam von Bord gezerrt und niedergedrückt

„On your knees!“, wurde ich angeschrien. Waren es zwei Stunden, die wir so blieben, immer wieder bedroht, während der israelische Beitrag zum Eurovision Song Contest 2026 in Endlosschleife eingespielt wurde? Viele konnten nicht mehr knien. Später untersuchte ich einen Menschen mit schweren Schürfwunden und Blutergüssen am Knie, das er nach dieser Tortur nicht mehr beugen konnte. Wer seine einschneidenden Kabelbinder an den Unterarmen gelockert haben wollte, weil er das Gefühl in seinen Fingern verlor und die Hand anschwoll, wurde verspottet, beschimpft oder bedroht. Dann kam Partylaune auf. Die Soldaten und Gefängniswärter scherzten, feierten und tanzten zu Disco-Musik. Ich hörte eine Drohne und stellte mit vor, wie sie hunderte gefesselte, gequälte, auf dem Betonboden knieende Menschen filmte, während die Folterer in bester Stimmung ihren erfolgreichen Tag feierten.

Wir wurden gefoltert, aber wussten jederzeit, dass wir nicht getötet und nach wenigen Tagen wieder auf freiem Fuß sein würden. Regierungen aus über fünfzig Ländern und aufmerksame Medien würden uns schützen. Palästinenser*innen haben diesen Schutz nicht, ihnen droht die Todesstrafe. Ich bin erschrocken und traurig, wie vielen der israelischen Soldaten, die mir begegnet sind, die Achtung vor Menschen systematisch abtrainiert wurde. Sie wurden offensichtlich ermutigt, Menschen zu quälen, zu beschießen, zu erniedrigen, zu bespucken, zu beschimpfen, zu schlagen, zu treten – und dabei zu lachen und zu tanzen. Es macht mir große Angst, dass Menschen in Palästina in den von Israel besetzten Gebieten täglich mit Soldaten zu tun haben, welche die Würde anderer Menschen nicht anerkennen. Deswegen waren die über vierhundert Teilnehmenden der Global Sumud Flotilla trotz der hohen Risiken nach Gaza aufgebrochen – um diese Menschen zu schützen.

Polizeiminister Ben-Gvir verhöhnt nach Ashdod verschleppten Gefangene der Global Sumud Flotilla

Empfang für die 428 AktivistInnen der Global Sumud Flotilla im Passagierterminal: Grenzpolizisten (Magav) in ihren olivgrünen Kampfanzügen, reguläre Polizisten in blauen Hemden und zivile Angestellte der Immigrationsbehörden und anderer Behörden. Wegweiser, Hinweisschilder und Absperrungen. „Head down!“ Ein Polizist zwang mich mit einer Hand im Nacken zur nächsten Station, zum nächsten Polizisten. In der anderen Hand hatte er die Dokumentenhülle mit meinem Pass, Dokumenten vom Gefängnisschiff, Portrait- und Serienfotos, Abdrücke der beiden Zeigefinger und Formulare über meine angeblich illegale Einreise und Einwilligung in eine Deportation, nicht unterschrieben.

Die 428 Entführten auf den beiden Gefängnisschiffen wurden im Passagierterminal von Ashdod misshandelt.

Manchmal wurde mir der Rücken gewaltsam bis parallel zum Boden heruntergedrückt, manchmal reichte eine Kopfneigung. Ein Immigrationsbeamter: „Do you know why you are here?” „I don’t wish to answer.“ „No Idea why you are here?”  „I don’t wish to answer.“ “You are a doctor. You are clever. Why do you not wish do answer?“ „This question I also don’t want to answer.“ „You Germans already made one big mistake in your history…”. Einen Grund für das Kidnapping nannte er nicht.

„On your knees!“ Eine Wartezone für die mit Kabelbindern Gefesselten. Stühle standen vor den Schreibtischen der Behördenmitarbeiter, auch dort mussten manche knien. Kurzes Gespräch mit der Anwältin vom juristischen Zentrum für Rechte der Arabischen Minderheit in Israel (Adalah). Ein Polizist saß daneben. Eine Richterin fragte mich und andere, wie es uns gehe. Ein ziviler Angestellter beschimpfte mich aufgeregt: „A Nazi from Germany!“ „A Fascist!“ Er machte mir keine Angst. Den gewaltbereiten Magav Grenzpolizisten dagegen nahm ich ernst. „You know Holocaust?“ Blickkontakt. „Yes.“ „You are Nazi!?“ „No. “Einer schrie mich wutentbrannt an: „Did you touch me?!“