Trigger Warnung: Beschreibung physischer und psychischer Gewalt
„Who is the Captain?“ Ich kniete zusammen mit sieben anderen Gekidnappten auf dem Achterdeck unseres Bootes, Hände hinter dem Kopf, Gesicht auf dem Boden. Am späten Abend des 29. Aprils 2026 waren wir und 21 andere Boote in internationalen Gewässern des Mittelmeers bei Kreta überfallen worden.

Der erste der vier eingedrungenenen Marinesoldaten zerschlug unsere live streamende Webcam. Nach zwei Drohnenüberflügen mit Scheinwerfern kurz zuvor war ihnen die Position der Kamera offensichtlich bekannt. Er warf sie ins Meer, ein anderer drohte dann: „If you don’t say who is the captain, this will be much harder for you!” Die drei Männer und eine Frau waren etwa zwanzig bis 25 jahre alt. Die achtköpfige Besatzung von friedlichen Aktivist*innen der Global Sumud Flotilla hatte das Entern des Bootes durch bewaffnete Soldaten trainiert: Kein Vorwand für Gewalt liefern, keine schnellen Bewegungen, die als Angriff gedeutet werden könnten, keine Gegenstände, die wie ein Waffe aussehen – Deeskalation. Alle hatten ihren vorgesehenen Sitzplatz eingenommen. Aber auch Sumud hatten wir verabredet – standhaft zu sein, gewaltfrei Widerstand zu leisten. So hatten wir beschlossen, auf die Frage nach dem Kapitän nicht zu antworten.
Plötzlich waren Stiefel neben meinem Kopf. Der neben mir Knieende wurde angeschrieen: „If you don’t say who is the Captain, I will taser you in the face”. Ich hörte Entladungsgeräusche eines Elektroschockers. Mit Folterdrohungen hatten wir nicht gerechnet. Was sollten wir tun? Niemand sagte ein Wort – vor Schreckstarre oder weil wir uns an die Abmachung hielten? Mit Vollgas zum Gefängnisschiff, dessen Flutlichter in der Ferne hell leuchteten. Ich wusste: in wenigen Minuten würde das Kühlwasser unseres Dieselmotors kochen. Ohrenbetäubendes Piepen – Überhitzungsalarm. Hektik bei den Soldaten. Wieder die Drohung: „Who is the Captain? If you don’t say it, I will taser you in the face“. Wieder keine Antwort, trotz Tasergeräuschen.

Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention sagt: niemand darf der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte erklärte für die Androhung von Folter, dass darin ein Verstoß gegen ein Kernrecht der Europäischen Menschenrechtskonvention zu sehen sei. Der Bericht der UN-Sonderberichterstatterin vom 23.3.2026 über den systematischen Einsatz von Folter durch Israel gegen Palästinenser*innen seit dem 7. Oktober 2023 stellt in den Abschnitten 76 und 77 fest: Hochrangige israelische Minister bezeichneten Folter als „heilige Aufgabe“, Ermittlungen gegen Folterer als Landesverrat und die Täter als „heldenhafte Krieger“. Ein Rabbiner habe Segenssprüche ausgesprochen und die Öffentlichkeit lehnte Ermittlungen weitgehend ab.

Vor dem Hintergrund der in Israel anzutreffenden Haltung eines „Rechts, zu foltern“, ist die mehrfache Androhung von Folter gegenüber friedlichen und gewaltfreien Zivilisten der Global Sumud Flotilla zu sehen. Palästinenser*innen haben dagegen ungleich schlimmeres zu erleiden.
Der UN-Bericht beschreibt, dass der systematische Einsatz von Folter durch Israel gegen Palästinenser*innen seit dem 7. Oktober 2023 die Schwelle für Völkermord im Sinne des Übereinkommens über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes erreicht hat. Es wird dargelegt, wie Folter zu einem integralen Bestandteil der Unterdrückung und Bestrafung von Männern, Frauen und Kindern geworden ist, sowohl durch Misshandlungen in Haft als auch durch eine unerbittliche Kampagne der Zwangsvertreibung, durch Massenmorde, Entbehrungen und die Zerstörung aller Lebensgrundlagen, um langfristiges kollektives Leid und Elend zu verursachen. Es werde ein kontinuierliches, das gesamte Gebiet durchdringendes Regime des psychologischen Terrors geschafffen, das darauf abziele, Körper zu brechen, einem Volk seine Würde zu rauben und es von seinem Land zu vertreiben.
Dies sei keine zufällige Gewalt. Es sei die Architektur des Siedlerkolonialismus, die auf einem Fundament der Entmenschlichung errichtet und durch eine Politik der Grausamkeit und kollektiven Folter aufrechterhalten werde- so der Bericht der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese.