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1. Die Global Sumud Flotilla

Am 15. April 2026 startete die Global Sumud Flotilla ihre Fahrt von Barcelona aus in das besetzte, ausgehungerte und zerstörte Gaza mit medizinischen Hilfsgütern und Lebensmitteln an Bord, um einen humanitären Seekorridor zu eröffnen. Ich durfte an Bord eines der Boote mit neun weiteren Menschen als Kapitän teilnehmen.

Wir waren eines von mehr als 50 Booten auf dem Weg nach Griechenland, als wir am 29. April von israelischen Militärbooten westlich von Kreta nach Beschuss mit Gummigeschossen gestoppt wurden. Die Besatzung wurde gekidnappt, auf ein israelisches Gefängnisschiff verschleppt, misshandelt und nach zwei Tagen im Süden von Kreta der griechischen Küstenwache übergeben.

Am 14. Mai brachen 54 Boote von Marmaris, Türkei, nach Gaza auf. Ich war Kapitän eines kleinen Segelschiffes. Am 18. Mai wurde auch dieses Boot mit Gummigeschossen gestoppt und die siebenköpfige Besatzung gekidnappt. Zunächst wurden wir für zwei Tage auf ein Gefängnisschiff entführt, dann über den Hafen Ashdod in das Ktziot Gefängnis in der Negev Wüste verschleppt und dort für einen Tag festgehalten. Als Mediziner habe ich mich im Gefängnisschiff und im Gefängnis an der Versorgung der zahlreichen verletzten Menschen beteiligt.

Wesentliche Teile des vorliegenden Berichts sind auch in Protokollen der türkischen Polizei in Marmaris und Istanbul sowie der Bundespolizei in Hannover dokumentiert. Dieser Bericht beschreibt das systematische Foltern von gewaltfreien Teilnehmenden der Global Sumud Flotilla, um aufzuzeigen, welche viel schlimmere Gewalt die über 9000 politischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen jeden Tag und seit Jahrzehnten erdulden müssen. Oft sind diese Menschen ohne Gerichtsurteil oder Anklage eingesperrt.

Unsere Segel zeigen Sumud, die Standhaftigkeit von Palästinenserinnen und Palästinensern.
So wie die Menschen unter den Bedingungen der Besatzung im unterdrückten Palästina wollen auch wir Widerstand leisten. Die Global Sumud Flotilla ist gewaltfrei, beharrlich und entschlossen.

2. Das Kidnapping

Trigger Warnung: Beschreibung physischer und psychischer Gewalt

„Who is the Captain?“ Ich kniete zusammen mit sieben anderen Gekidnappten auf dem Achterdeck unseres Bootes, Hände hinter dem Kopf, Gesicht auf dem Boden. Am späten Abend des 29. Aprils 2026 waren wir und 21 andere Boote in internationalen Gewässern des Mittelmeers bei Kreta überfallen worden.

Schnellboote der israelischen Armee kidnappten uns nach Beschuss mit Gummigeschossen. Eine Plexiglasscheibe wurde eingeschossen – offensichtlich in der Absicht, zwei Personen am Steuerstand zu treffen.

Der erste der vier eingedrungenenen Marinesoldaten zerschlug unsere live streamende Webcam. Nach zwei Drohnenüberflügen mit Scheinwerfern kurz zuvor war ihnen die Position der Kamera offensichtlich bekannt. Er warf sie ins Meer, ein anderer drohte dann: „If you don’t say who is the captain, this will be much harder for you!” Die drei Männer und eine Frau waren etwa zwanzig bis 25 jahre alt. Die achtköpfige Besatzung von friedlichen Aktivist*innen der Global Sumud Flotilla hatte das Entern des Bootes durch bewaffnete Soldaten trainiert: Kein Vorwand für Gewalt liefern, keine schnellen Bewegungen, die als Angriff gedeutet werden könnten, keine Gegenstände, die wie ein Waffe aussehen – Deeskalation. Alle hatten ihren vorgesehenen Sitzplatz eingenommen. Aber auch Sumud hatten wir verabredet – standhaft zu sein, gewaltfrei Widerstand zu leisten. So hatten wir beschlossen, auf die Frage nach dem Kapitän nicht zu antworten.

Plötzlich waren Stiefel neben meinem Kopf. Der neben mir Knieende wurde angeschrieen: „If you don’t say who is the Captain, I will taser you in the face”. Ich hörte Entladungsgeräusche eines Elektroschockers.  Mit Folterdrohungen hatten wir nicht gerechnet. Was sollten wir tun? Niemand sagte ein Wort – vor Schreckstarre oder weil wir uns an die Abmachung hielten? Mit Vollgas zum Gefängnisschiff, dessen Flutlichter in der Ferne hell leuchteten. Ich wusste: in wenigen Minuten würde das Kühlwasser unseres Dieselmotors kochen. Ohrenbetäubendes Piepen – Überhitzungsalarm. Hektik bei den Soldaten. Wieder die Drohung: „Who is the Captain? If you don’t say it, I will taser you in the face“. Wieder keine Antwort, trotz Tasergeräuschen.

Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention sagt: niemand darf der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte erklärte für die Androhung von Folter, dass darin ein Verstoß gegen ein Kernrecht der Europäischen Menschenrechtskonvention zu sehen sei. Der Bericht der UN-Sonderberichterstatterin vom 23.3.2026 über den systematischen Einsatz von Folter durch Israel gegen Palästinenser*innen seit dem 7. Oktober 2023 stellt in den Abschnitten 76 und 77 fest: Hochrangige israelische Minister bezeichneten Folter als „heilige Aufgabe“, Ermittlungen gegen Folterer als Landesverrat und die Täter als „heldenhafte Krieger“. Ein Rabbiner habe Segenssprüche ausgesprochen und die Öffentlichkeit lehnte Ermittlungen weitgehend ab.

Am 23. März 2026 berichtete Francesca Albanese vor dem Menschenrechtsrat in Genf von „weit verbreiteten und systematischen Einsatz von Folter“ in Israel. Sie schilderte das umfassende „Klima der Folter“, dem die Palästinenser im besetzten palästinensischen Gebiet ausgesetzt seien.

Vor dem Hintergrund der in Israel anzutreffenden Haltung eines „Rechts, zu foltern“, ist die mehrfache Androhung von Folter gegenüber friedlichen und gewaltfreien Zivilisten der Global Sumud Flotilla zu sehen. Palästinenser*innen haben dagegen ungleich schlimmeres zu erleiden.

Der UN-Bericht beschreibt, dass der systematische Einsatz von Folter durch Israel gegen Palästinenser*innen seit dem 7. Oktober 2023 die Schwelle für Völkermord im Sinne des Übereinkommens über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes erreicht hat. Es wird dargelegt, wie Folter zu einem integralen Bestandteil der Unterdrückung und Bestrafung von Männern, Frauen und Kindern geworden ist, sowohl durch Misshandlungen in Haft als auch durch eine unerbittliche Kampagne der Zwangsvertreibung, durch Massenmorde, Entbehrungen und die Zerstörung aller Lebensgrundlagen, um langfristiges kollektives Leid und Elend zu verursachen. Es werde ein kontinuierliches, das gesamte Gebiet durchdringendes Regime des psychologischen Terrors geschafffen, das darauf abziele, Körper zu brechen, einem Volk seine Würde zu rauben und es von seinem Land zu vertreiben.

Dies sei keine zufällige Gewalt. Es sei die Architektur des Siedlerkolonialismus, die auf einem Fundament der Entmenschlichung errichtet und durch eine Politik der Grausamkeit und kollektiven Folter aufrechterhalten werde- so der Bericht der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese.

3. Auf dem Gefängnisschiff

Israelische Marinesoldaten auf den Containern, Gefängniswärter und Offiziere auf der Kommandobrücke des Gefängnisschiffs

Trigger Warnung: Beschreibung physischer und psychischer Gewalt

Zahlreiche Aktivist*innen der Global Sumud Flotilla wurden zwei mal innerhalb von drei Wochen gekidnappt und gewaltsam auf Gefängnisschiffe der israelischen Marine verschleppt. Eines der beiden wurde später “Folterschiff” genannt. Von ihm handelt dieser Bericht.

18. Mai, 2 Uhr nachmittags: Brutal niedergedrückt im Nacken, mit dem Gesicht zum Boden, der rechte Arm auf dem Rücken verdreht, schob mich ein Soldat der Israel Defense Forces in den weißen Eingangscontainer des 95 Meter langen Gefängnisschiffs. Diesen Eingang zum Gefängnis nannten wir später „Foltercontainer“- alle 190 dorthin verschleppten Teilnehmer*innen der Global Sumud Flotilla mussten hindurch. Darin warteten fünf Soldaten und Gefängniswärter. Einer riss mir die Schuhe weg, ein anderer die Brille, Schläge und Tritte in die Rippen und in den Rücken, der Arm wurde zwei Mal brutal hochgezogen, ich schrie vor Schmerz. Geschockt und fassungslos angesichts der unerwarteten und anlasslosen Gewalt im Foltercontainer taumelte ich in die Arme der Wartenden. Weitere dumpfe Geräusche von Schlägen und fallenden Menschen aus dem Container. Ohnmächtig wartend, mit Tränen in den Augen, Stunde um Stunde, hörten wir die Gequälten schreien.  Blutende Menschen mit zerrissenen Kleidern, vor Schreck aufgerissenen Augen, desorientiert, manche auf den Boden geschleudert, andere vor dem Fallen aufgefangen. Männer mit dunkler Hautfarbe waren besonders betroffen. Weiße Menschen, so wie ich, wurden oft nur geschlagen und getreten, aber nicht sichtbar verletzt. Muslimische Frauen wurden beschämt, indem ihre Kopftücher, das Zeichen ihrer Frömmigkeit, weggerissen wurden.

Allen wurden Pullover und Jacken gestohlen. Kalte Nächte auf dem Stahlboden der drei überfüllten zwölf mal drei Meter großen Schlafcontainer, ohne Decken oder Matten, mit zusammengepressten Plastikflaschen als Kopfkissen. Manche standen, andere wanderten draußen zum Aufwärmen auf und ab. Am ehesten konnte ich vormittags schlafen, dann waren die Schlafcontainer warm und weniger überfüllt. Zwei Toiletten ohne Klopapier für 190 Menschen und zu wenig Wasser. Trockenes Brot als einzige Nahrung.

Demütigungen durch israelische Soldaten und Gefängniswärter stärkten unser Sumud, unsere Entschlossenheit, einen humanitären Korridor für Gaza zu öffnen. Nur zwei von acht Toiletten waren für 190 Menschen geöffnet, ohne Klopapier.

Am Vormittag wurde die Tür zum Foltercontainer aufgerissen. Drei Soldaten mit Gewehren und voller militärischer Montur schleuderten drei Schockgranaten in die etwa fünfzig erschreckten Gefangenen im Innenhof. Der Knall der Flashbangs wurde durch die Stahlcontainer schmerzhaft reflektiert, Menschen sprangen auseinander, orientierungslos. Später zeigten mir zwei Personen Splitterverletzungen an ihren Unterschenkeln. Wir wurden angeschrien: „Hands up!“ Geschützt von drei Gefängniswärtern mit Schutzschildern zielten die Laser-Zielfernrohre der Gewehre auf die Versammelten. Der nahe am Eingang liegende Container wurde geräumt. Zwei Soldaten durchsuchten und sicherten ihn mit vorgehaltenen Waffen. Vier Menschen wurden aufgefordert, sich rückwärts den Soldaten zu nähern und mit Müllbeuteln Plastikflaschen und Brotreste aufzusammeln. Rückwärts gehend, geführt von einem weiteren Soldaten, die Waffen stetig auf die Menschen gerichtet, zogen sich die Soldaten und Gefängniswärter in den Foltercontainer zurück. Einer kam zurück und sammelte die Trümmer der Schockgranaten auf. Auf der hochgelegenen Kommandobrücke des Schiffs, etwa 30 Meter entfernt, mit Blick auf die Arena des Gefängnishofes, applaudierten die Vorgesetzten der Gefängniswärter und die Offiziere – offensichtlich sehr zufrieden, wie unbewaffnete und gewaltfreie Menschen ohne Anlass verletzt, bedroht und gedemütigt worden waren.

Ein Gefängniswärter öffnete die Tür zum Foltercontainer und legte meine Schuhe und meine Brille in die Mitte des Innenhofs. Einmal wurden auch einige wenige der gestohlen Pullover zurückgebracht und ab und zu auch etwas Wasser. Wir wussten, dass all dies gefilmt wurde und als öffentlichkeitswirksamer Beweis für die humanitär einwandfrei Behandlung der Gefangenen verwendet werden würde.

Am Nachmittag richtete ein Soldat von oben sein Zielfernrohr auf einzelne Menschen im Gefängnishof. Ein deutscher Teilnehmer wurde am linken Unterschenkel getroffen. Bleischrot in einem gelben Säckchen (Bean-Bag), kreisrunde Aufschürfung und Bluterguss, 5 cm.  Später wurde er in den linken Fuß getroffen, extreme Schwellung, extreme Schmerzen, Auftreten unmöglich. Ich war im Ärzteteam der Gefangenen. Wir befürchteten, die Schwellung könnte Arterien und Nerven abklemmen. Plastikfolie, etwas Schnur, hochlagern. Würde der Scharfschütze erneut schießen? Wir wussten, dass israelische Soldaten einige von uns mit Namen kannten und beim Kidnapping gezielt nach diesen Menschen gefahndet hatten – insbesondere solche mit palästinensischen Wurzeln und besonderer Aktivität in der Global Sumud Flotilla. Oder war es doch nur ein falscher Blick gewesen? Wir besorgten ein anderes T-Shirt für den Getroffenen, damit er nicht mehr erkannt würde. Später erfuhr ich, der Fuß war gebrochen.

Soldaten beschossen Gefangene gezielt mit Bean-Bag-Munition (Power Punch, Bleischrot) und verletzten sie schwer.

Nächtlicher Psychoterror: die Soldaten schlugen mit Stöcken gegen die Container, manchmal schossen sie auch auf die Containerwände, Stroboskoplicht und Laserzielmarkierungen blendeten uns im Eingangsbereich der Schlafcontainer.

Unsere Versammlung der Gefangenen im Innenhof beobachteten Soldaten und Gefängniswärter von vier Richtungen aus, von erhöhten Positionen. Wir Ärztinnen und Ärzte baten um Schmerzmittel, Wasser und Pullover. Der Vorgesetzte der Gefängniswärter nickte freundlich zustimmend mit dem Kopf und zeigte uns den nach oben gestrecktem Daumen. Wenige Minuten später wurden die Pumpen angeschaltet, die sonst für die Reinigung des Decks verwendet werden. Der Innenhof wurde knöchelhoch mit Salzwasser überflutet, stundenlang.

Wir, die acht Ärzt*innen unter den Gefangenen, zogen Zwischenbilanz: 30 Menschen mit vermuteten Knochenbrüchen, überwiegend Rippen und Oberarme, vier mit Gehirnerschütterungen, eine Augen- und eine Ohrverletzung, ausgekugelte Oberarme, Verbrennungen durch Elektroschocker, vier Fälle sexueller Gewalt. Der „Krankenhaus-Container“ war inzwischen überfüllt, wir nutzten einen weiteren der drei Container für Verletzte. Besonders sorgten wir uns um Menschen mit Bauchschmerzen nach stumpfer Gewalt – könnten innere Blutungen unbemerkt entstehen?

Später erfuhren wir: 67 freigelassene Gefangene mussten in Istanbul im Krankenhaus medizinisch versorgt werden, zwölf Teilnehmende wurden in der Türkei und Griechenland stationär aufgenommen. Lungenriss, innere Blutungen, gebrochene Beine und Füße, Herzrhythmusstörungen….

Die Gefängnisschiffe: Die baugleichen 2500 Tonnen Logistikversorgungsschiffe und Landungsboote Nahshon and Komemiyut wurden Israel im August 2023 bzw. Juli 2024 von den USA zur Verfügung gestellt und finanziert. Beide wurden für das Kidnapping der Global Sumud Flotilla genutzt, nachdem sie als Gefängnisschiffe umgebaut worden waren. Am 29. April war eines der beiden Schiffe im Einsatz, am 18. Mai beide.  

4. Ankunft in Ashdod

Der rechtsextremistische religiös-fundamentalistische israelische Polizeiminister Ben-Gvir im Hafen Ashdod: Videos der Gekidnappten veröffentlichte er auf X

Trigger Warnung: Beschreibung physischer und psychischer Gewalt

Die schlimmste Befürchtung der Gefangenen auf dem Folterschiff wurde am zweiten Morgen wahr, dem 20. Mai. Wir legten im israelischen Hafen Ashdod an, südlich von Tel Aviv. Mit Kabelbindern gefesselt knieten wir mehr als eine Stunden lang auf dem Stahldeck des Schiffs, den Kopf am Boden, Sonnenbrand auf dem Rücken. Einigen Menschen waren die Arme schmerzhaft hinter dem Rücken zusammengebunden. Ich hatte erstmals richtig Angst. Würde die Gewalt immer noch weiter zunehmen? Würde ich bleibende Schäden davontragen? Würde ich die Standhaftigkeit, Beharrlichkeit und Ausdauer haben, die auf Arabisch Sumud genannt wird?

Zahlreiche Personen erwarteten die Ankunft des Folterschiffs am Ufer – auch der Polizeiminister Ben-Gvir, wie wir später erfuhren. Auf X postete er ein Video der menschenunwürdigen Behandlung, die vom deutschen Botschafter in Israel als “gänzlich inakzeptabel und inkompatibel mit den grundlegenden Werten Deutschlands und Israels” bezeichnet wurde. Großbritannien verurteilte, dass “die grundlegendsten Maßstäbe von Respekt und Menschenwürde” verletzt wurden. Der US-Botschafter verurteilte Ben-Gvirs Verhalten als “verabscheuungswürdig”. Er habe “die Würde seiner Nation verraten”.

In Ashdod drückten zwei Soldaten meinen Nacken gewaltsam nach unten, trieben mich zu einem großen weißen Zelt. Ich verlor den Boden unter den Füßen, sie nahmen mich auf Schulterhöhe und schleuderten mich auf den Betonboden im Zelt. Ich konnte abrollen, aber die Rippen unter dem linken Arm schmerzten, eine Rippenprellung, wie ein Orthopäde später feststellte.

Ankunft des Gefängnisschiffs: Friedliche Gefangene werden gewaltsam von Bord gezerrt und niedergedrückt

„On your knees!“, wurde ich angeschrien. Waren es zwei Stunden, die wir so blieben, immer wieder bedroht, während der israelische Beitrag zum Eurovision Song Contest 2026 in Endlosschleife eingespielt wurde? Viele konnten nicht mehr knien. Später untersuchte ich einen Menschen mit schweren Schürfwunden und Blutergüssen am Knie, das er nach dieser Tortur nicht mehr beugen konnte. Wer seine einschneidenden Kabelbinder an den Unterarmen gelockert haben wollte, weil er das Gefühl in seinen Fingern verlor und die Hand anschwoll, wurde verspottet, beschimpft oder bedroht. Dann kam Partylaune auf. Die Soldaten und Gefängniswärter scherzten, feierten und tanzten zu Disco-Musik. Ich hörte eine Drohne und stellte mit vor, wie sie hunderte gefesselte, gequälte, auf dem Betonboden knieende Menschen filmte, während die Folterer in bester Stimmung ihren erfolgreichen Tag feierten.

Wir wurden gefoltert, aber wussten jederzeit, dass wir nicht getötet und nach wenigen Tagen wieder auf freiem Fuß sein würden. Regierungen aus über fünfzig Ländern und aufmerksame Medien würden uns schützen. Palästinenser*innen haben diesen Schutz nicht, ihnen droht die Todesstrafe. Ich bin erschrocken und traurig, wie vielen der israelischen Soldaten, die mir begegnet sind, die Achtung vor Menschen systematisch abtrainiert wurde. Sie wurden offensichtlich ermutigt, Menschen zu quälen, zu beschießen, zu erniedrigen, zu bespucken, zu beschimpfen, zu schlagen, zu treten – und dabei zu lachen und zu tanzen. Es macht mir große Angst, dass Menschen in Palästina in den von Israel besetzten Gebieten täglich mit Soldaten zu tun haben, welche die Würde anderer Menschen nicht anerkennen. Deswegen waren die über vierhundert Teilnehmenden der Global Sumud Flotilla trotz der hohen Risiken nach Gaza aufgebrochen – um diese Menschen zu schützen.

Polizeiminister Ben-Gvir verhöhnt nach Ashdod verschleppten Gefangene der Global Sumud Flotilla

Empfang für die 428 AktivistInnen der Global Sumud Flotilla im Passagierterminal: Grenzpolizisten (Magav) in ihren olivgrünen Kampfanzügen, reguläre Polizisten in blauen Hemden und zivile Angestellte der Immigrationsbehörden und anderer Behörden. Wegweiser, Hinweisschilder und Absperrungen. „Head down!“ Ein Polizist zwang mich mit einer Hand im Nacken zur nächsten Station, zum nächsten Polizisten. In der anderen Hand hatte er die Dokumentenhülle mit meinem Pass, Dokumenten vom Gefängnisschiff, Portrait- und Serienfotos, Abdrücke der beiden Zeigefinger und Formulare über meine angeblich illegale Einreise und Einwilligung in eine Deportation, nicht unterschrieben.

Die 428 Entführten auf den beiden Gefängnisschiffen wurden im Passagierterminal von Ashdod misshandelt.

Manchmal wurde mir der Rücken gewaltsam bis parallel zum Boden heruntergedrückt, manchmal reichte eine Kopfneigung. Ein Immigrationsbeamter: „Do you know why you are here?” „I don’t wish to answer.“ „No Idea why you are here?”  „I don’t wish to answer.“ “You are a doctor. You are clever. Why do you not wish do answer?“ „This question I also don’t want to answer.“ „You Germans already made one big mistake in your history…”. Einen Grund für das Kidnapping nannte er nicht.

„On your knees!“ Eine Wartezone für die mit Kabelbindern Gefesselten. Stühle standen vor den Schreibtischen der Behördenmitarbeiter, auch dort mussten manche knien. Kurzes Gespräch mit der Anwältin vom juristischen Zentrum für Rechte der Arabischen Minderheit in Israel (Adalah). Ein Polizist saß daneben. Eine Richterin fragte mich und andere, wie es uns gehe. Ein ziviler Angestellter beschimpfte mich aufgeregt: „A Nazi from Germany!“ „A Fascist!“ Er machte mir keine Angst. Den gewaltbereiten Magav Grenzpolizisten dagegen nahm ich ernst. „You know Holocaust?“ Blickkontakt. „Yes.“ „You are Nazi!?“ „No. “Einer schrie mich wutentbrannt an: „Did you touch me?!“

5 Im Ktziot Gefängnis

Das Ktziot-Gefängnisin der Negev-Wüste: die flächenmäßig größte israelische Haftanstalt.

20. Mai 2026, nachmittags: Handschellen und Fußfesseln statt Kabelbinder im Gefangenentransporter, sechzehn Menschen in zwei Reihen, Stahlbänke, Lichter und Fenster vergittert. Ein Mensch mit vom Schmerz verzerrten Gesicht, die Hände auf den Rücken gefesselt, die rechte Schulter schmerzend. Handschellen tief in den geschwollenen Handgelenken. „We need a doctor! Loosen the handcuffs!“, wir schlugen an die Eisentür. „Don’t do that again!“, wurden wir bedroht. Ich drückte die Schwellung mit Daumen und Zeigefinger, nach einigen Minuten bewegten wir die Handschelle wenige Millimeter. Die Schmerzen blieben. Wir froren, Klimaanlage. Kein Arzt, keine Lockerung der Handschellen.

20. Mai 2026, abends: Das Ktziot Gefängnis in der Negev Wüste, lange Mauern, 400.000 Quadratmeter Fläche, bis zu 6000 Gefangene, meist in Zelten. Willkommen in der Hölle: das israelische Gefängnissystem als Netzwerk von Folterlagern“, so titelte die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem. 55 Palästinenser, die aus israelischen Gefängnissen und Haftzentren entlassen worden waren, sagten in dem Bericht aus – fast alle waren ohne Anklage oder Gerichtsurteil inhaftiert worden. Einer beschrieb Ktziot so: „Eine Einrichtung, in die man eingewiesen wird und schwere, vorsätzliche und unablässige Schmerzen erleidet, egal wer man ist oder warum man verhaftet wurde.“ Der britische Guardian titelt bereits zuvor, im August 2024, „Folter, Misshandlung und Demütigung: Palästinenser berichten von der „Hölle“ in israelischen Gefängnissen“. Ehemalige Häftlinge berichteten dort von sexuellen Übergriffen und Aushungerung in Gefängnissen, die als „Folterlager“ bezeichnet wurden, unter Leitung des Polizeiministers Itamar Ben-Gvir. Und die BBC titelte im April 2025: „Verätzungen, Körperverletzungen, Stromschläge“. Ein Mann berichtet, wie er mit Chemikalien in Brand gesetzt worden war.

Nackt ausziehen, drei Kniebeugen, Foto, grauer Jogging-Anzug als Sträflingskleidung, Gummilatschen, Armband mit Nummer. „Faster! Faster!“ In Handschellen, den Pullover des Vordermanns umklammernd, Blick auf den Boden, rannten wir im Gänsemarsch an bellenden Hunden vorbei. „Look down!“ Dreißig Menschen in einer neun Quadratmeter großen Zelle mit Doppelstockbett und einer Dusche, die gleichzeitig Pissoir ist. Atemnot. Vom kleinen vergitterten Fenster strömte etwas Luft nach unten, die beliebtesten Plätze waren am Boden. Mir wurde schwarz vor Augen, schnell hinsetzen. Zwei Menschen schoben sich in die Spalte unterm Bett. Wir schlugen an die Tür, Sprechchöre: „We need air!“ Die Tür wurde aufgerissen, Drohungen. Einige Verletzte konnte ich notdürftig untersuchen – Verdacht auf Rippenbrüche und durch Handschellen abgeschnürte Unterarme.

Menschen wurden hineingebracht oder herausgerufen. Die Gefängniswärter wussten nicht, in welchen Zellen die Gefangenen sind. Manche Namen konnten sie nicht richtig lesen oder aussprechen. Ein Gefangener half beim Vorlesen. Dann liefen wir in kleinen Gruppen über den Gefängnishof zu einer überdachten Halle. „Do you know what this is?“. Ein Video zeigte getötete und misshandelte Menschen. Einer antwortete: “October 7th”. “And who did that?“ „Hamas.“ „And you are helping them!?” “No.“

Mit Matratze und Decke unter den Armen wurde ich in einem vergitterten Zelt von Mitgefangenen mit offenen Armen erwartet. Erleichterung. Der Gefängniswärter schleuderte mir einen leeren Wassercontainer in die Kniekehlen. Fünfzehn Doppelstockbetten, das obere neben dem Eingang war meins. Ich streckte meine Arme nach draußen, Handschellen wurden abgenommen. Draußen lief das Video weiter.  Dann kümmerte ich mich um die Verletzten. Ich konnte kaum etwas tun, dennoch waren die Verletzten dankbar. Zumindest würde ich mögliche lebensbedrohliche Verschlechterungen des Vitalzustands erkennen können, hoffte ich. Verdacht auf Rippenbrüche, Hämatome und Aufschürfungen im Gesicht, aufgeschürfte Knie, von Handschellen eingeschnürte Unterarme, unklare Bauchschmerzen nach stumpfer Gewaltweinwirkung. Die Wassercontainer wurden von einem Gefangen gefüllt. Sollten wir das trübe und braune Wasser trinken? Besser nicht. Pissoir und kleiner Eimer für Exkremente in Sichtweite der Wärter.

In internationalen Berichten und von Menschenrechtsorganisationen wird Ktziot als berüchtigtes Internierungslager beschrieben, für das systematische Misshandlungen und Foltervorwürfe dokumentiert wurden

21. Mai, morgens: Vom Stimmengewirr wachte ich auf. Licht an, Sandwich aus dem Pappkarton, Hände aus dem Gitter, Handschellen. Polizisten wieder überfordert, zwei zivile weibliche Angestellte verlasen die Namenslisten. „Please“, „Thank you“, wo Anschreien bislang der normale Umgangston war. Ein Gefangener verblieb als letzte Person in der Zelle, fürchtete Repressalien. Glücklicherweise verlässt er wie alle anderen Gefangenen Ktziot an diesem Morgen – vermutlich aufgrund der kritischen Medienberichterstattung.

Wieder die Hände im Pullover des Vordermannes, an den bellenden Hunden vorbei. Wohin würde uns der schwer bewaffnete Gefangentransporter bringen? Jordanien? Flughafen? An Wüsten und Gebirgen, Oasen und Flussläufen, bewässerten Feldern ging es entlang und durch Ortschaften.

21. Mai, mittags: Stundenlanges Warten am Flughafen Eilat, im Süden Israels an der jordanischen Grenze, 240 Kilometer von Ktziot entfernt, bis das Terminal abgesperrt war. Fotograf*innen erwarteten uns, Handschellen wurden abgenommen. Als ich auf deutsche Konsular-Mitarbeitende zulaufen wollte, wurde ich weggestoßen. Ich stolperte weiter, auf das Rollfeld, drei wartenden Flugzeugen der Turkish Airline entgegen.

Die Haftbedingungen beim Verschleppen von Teilnehmenden der Global Sumud Flotilla verstießen gegen internationales Recht

Was wir als Teilnehmende der Global Sumud Flotilla im Gefängnis Ktziot erlebten, ist wenig im Vergleich zu dem, was palästinensische Gefangene im israelische Gefängnissystem jeden Tag erdulden müssen. Überbelegung und beengte Verhältnisse in den Zellen und zu wenig frische Luft, obwohl nach den Regeln des Völkerrechts, dem internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte von 1966 (ICCPR) und den Mandela-Regeln Haftanstalten eine Mindestfläche aufweisen und ausreichend Raumvolumen und Belüftung haben müssen. Gefangengenommene Frauen der Flotilla berichteten, dass sie stündliche Zelldurchsuchungen mit Hunden in der Nacht über sich ergehen lassen mussten. Solche Durchsuchungen sind zu einer Gelegenheit für das Gefängnispersonal geworden, Gewalt auszuüben und Gefangene zu demütigen und zu erniedrigen.

Artikel 1 des Deutschen Grundgesetzes verpflichtet alle staatlichen Organe, den Menschen als eigenständiges Wesen zu achten, zu schützen und vor Degradierung zu bewahren. Der Paragraph wurde als absolute Lehre aus den Gräueltaten des Nationalsozialismus eingeführt.

Das Folterverbot ist einer der Eckpfeiler des Völkerrechts. Kein Staat darf davon abweichen oder es in Friedenszeiten, im Krieg oder im Ausnahmezustand aussetzen. Ich wusste, dass ich als privilegierter Mensch mit deutscher Staatsbürgerschaft verschleppt wurde, und dass somit Medien mein Schicksal und das der anderen Global Sumud Flotilla Teilnehmenden beobachteten und uns schützten würden. Dennoch wurde ich wie die meisten als Gefangener im Gefängnisschiff geschlagen und getreten und beim Transport ins Gefängnis Ktziot aus Schulterhöhe auf den Boden geworfen und verletzt. Gewalt und deren Androhung waren drei Tagen lang meine allgegenwärtiger Begleiter. Andere Teilnehmende der Flotilla wurden häufiger und schlimmer gefoltert. Was Palästinenser*innen erleiden, wurde von der israelischen NGO B’Tselem im Bericht „Welcome to Hell“ vom August 2024 dokumentiert und ist unerträglich.

„Sie zogen mich gewaltsam aus, zogen mir die Hose und die Unterwäsche aus und banden mir mein Hemd über den Kopf wie eine Maske.“ „Etwa 20 Wärter stürmten mit Schlagstöcken in die Zelle, die ich mir mit fünf anderen Häftlingen teilte, und schlugen etwa eine halbe Stunde lang auf uns ein.“ „Einer der Hunde biss einen Häftling in den Arm, bis er blutete. Ein anderer Hund biss mich, während ich geschlagen wurde.“ „Sie zwangen mich auch, aufzustehen, und unter der Augenbinde sah ich, dass sie eine israelische Flagge um mich wickelten und mich filmten.“ „Einer der Wachen trat hart auf meine eisernen Handschellen mit seinen Schuhen – ich schrie vor Schmerz.“ „Zwei von ihnen zog mich wie die anderen Häftlinge aus und warfen mich dann auf die anderen Häftlinge. Einer von ihnen brachte eine Karotte und versuchte, sie mir in den Anus zu schieben.“

Meine Gedanken und Gefühle sind bei den Menschen, die solche Folter erleiden mussten und immer noch müssen.

Gemeinsam gegen Folter und Grausamkeit in israelischen Gefängnissen!

“Im September 2025 waren 10.863 Palästinenser*innen in israelischen Gefängnissen, darunter 350 Minderjährige. Vom Beginn des Gaza-Krieges bis Dezember 2025 starben dort 84 palästinensische Gefangene. Die Umwandlung israelischer Gefängnisse in Folterlager für palästinensische Häftlinge steht im Zusammenhang mit Israels koordiniertem Angriff auf Palästinenser*innen als Kollektiv seit Oktober 2023 und dem andauernden Völkermord in Gaza. Auch die grassierende Gewalt und die ethnische Säuberung im Westjordanland sowie die Verfolgung palästinensischer Bürger*innen Israels wirken sich auf die Behandlung der Gefangenen aus. An erster Stelle steht dabei die Entmenschlichung der Palästinenser*innen als Gruppe und der Einsatz extremer Gewalt gegen sie.” (B’Tselem, Living Hell, Januar 2026).

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Der Autor war Teilnehmender der Global Sumud Flotilla. Sein Name ist der Redaktion bekannt.

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Name: Chamberlain
Adresse: Lahnstr. 1, 60326 Frankfurt am Main
Mail: sumud_flotilla@proton.me

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