
Trigger Warnung: Beschreibung physischer und psychischer Gewalt
Zahlreiche Aktivist*innen der Global Sumud Flotilla wurden zwei mal innerhalb von drei Wochen gekidnappt und gewaltsam auf Gefängnisschiffe der israelischen Marine verschleppt. Eines der beiden wurde später “Folterschiff” genannt. Von ihm handelt dieser Bericht.
18. Mai, 2 Uhr nachmittags: Brutal niedergedrückt im Nacken, mit dem Gesicht zum Boden, der rechte Arm auf dem Rücken verdreht, schob mich ein Soldat der Israel Defense Forces in den weißen Eingangscontainer des 95 Meter langen Gefängnisschiffs. Diesen Eingang zum Gefängnis nannten wir später „Foltercontainer“- alle 190 dorthin verschleppten Teilnehmer*innen der Global Sumud Flotilla mussten hindurch. Darin warteten fünf Soldaten und Gefängniswärter. Einer riss mir die Schuhe weg, ein anderer die Brille, Schläge und Tritte in die Rippen und in den Rücken, der Arm wurde zwei Mal brutal hochgezogen, ich schrie vor Schmerz. Geschockt und fassungslos angesichts der unerwarteten und anlasslosen Gewalt im Foltercontainer taumelte ich in die Arme der Wartenden. Weitere dumpfe Geräusche von Schlägen und fallenden Menschen aus dem Container. Ohnmächtig wartend, mit Tränen in den Augen, Stunde um Stunde, hörten wir die Gequälten schreien. Blutende Menschen mit zerrissenen Kleidern, vor Schreck aufgerissenen Augen, desorientiert, manche auf den Boden geschleudert, andere vor dem Fallen aufgefangen. Männer mit dunkler Hautfarbe waren besonders betroffen. Weiße Menschen, so wie ich, wurden oft nur geschlagen und getreten, aber nicht sichtbar verletzt. Muslimische Frauen wurden beschämt, indem ihre Kopftücher, das Zeichen ihrer Frömmigkeit, weggerissen wurden.
Allen wurden Pullover und Jacken gestohlen. Kalte Nächte auf dem Stahlboden der drei überfüllten zwölf mal drei Meter großen Schlafcontainer, ohne Decken oder Matten, mit zusammengepressten Plastikflaschen als Kopfkissen. Manche standen, andere wanderten draußen zum Aufwärmen auf und ab. Am ehesten konnte ich vormittags schlafen, dann waren die Schlafcontainer warm und weniger überfüllt. Zwei Toiletten ohne Klopapier für 190 Menschen und zu wenig Wasser. Trockenes Brot als einzige Nahrung.

Am Vormittag wurde die Tür zum Foltercontainer aufgerissen. Drei Soldaten mit Gewehren und voller militärischer Montur schleuderten drei Schockgranaten in die etwa fünfzig erschreckten Gefangenen im Innenhof. Der Knall der Flashbangs wurde durch die Stahlcontainer schmerzhaft reflektiert, Menschen sprangen auseinander, orientierungslos. Später zeigten mir zwei Personen Splitterverletzungen an ihren Unterschenkeln. Wir wurden angeschrien: „Hands up!“ Geschützt von drei Gefängniswärtern mit Schutzschildern zielten die Laser-Zielfernrohre der Gewehre auf die Versammelten. Der nahe am Eingang liegende Container wurde geräumt. Zwei Soldaten durchsuchten und sicherten ihn mit vorgehaltenen Waffen. Vier Menschen wurden aufgefordert, sich rückwärts den Soldaten zu nähern und mit Müllbeuteln Plastikflaschen und Brotreste aufzusammeln. Rückwärts gehend, geführt von einem weiteren Soldaten, die Waffen stetig auf die Menschen gerichtet, zogen sich die Soldaten und Gefängniswärter in den Foltercontainer zurück. Einer kam zurück und sammelte die Trümmer der Schockgranaten auf. Auf der hochgelegenen Kommandobrücke des Schiffs, etwa 30 Meter entfernt, mit Blick auf die Arena des Gefängnishofes, applaudierten die Vorgesetzten der Gefängniswärter und die Offiziere – offensichtlich sehr zufrieden, wie unbewaffnete und gewaltfreie Menschen ohne Anlass verletzt, bedroht und gedemütigt worden waren.
Ein Gefängniswärter öffnete die Tür zum Foltercontainer und legte meine Schuhe und meine Brille in die Mitte des Innenhofs. Einmal wurden auch einige wenige der gestohlen Pullover zurückgebracht und ab und zu auch etwas Wasser. Wir wussten, dass all dies gefilmt wurde und als öffentlichkeitswirksamer Beweis für die humanitär einwandfrei Behandlung der Gefangenen verwendet werden würde.
Am Nachmittag richtete ein Soldat von oben sein Zielfernrohr auf einzelne Menschen im Gefängnishof. Ein deutscher Teilnehmer wurde am linken Unterschenkel getroffen. Bleischrot in einem gelben Säckchen (Bean-Bag), kreisrunde Aufschürfung und Bluterguss, 5 cm. Später wurde er in den linken Fuß getroffen, extreme Schwellung, extreme Schmerzen, Auftreten unmöglich. Ich war im Ärzteteam der Gefangenen. Wir befürchteten, die Schwellung könnte Arterien und Nerven abklemmen. Plastikfolie, etwas Schnur, hochlagern. Würde der Scharfschütze erneut schießen? Wir wussten, dass israelische Soldaten einige von uns mit Namen kannten und beim Kidnapping gezielt nach diesen Menschen gefahndet hatten – insbesondere solche mit palästinensischen Wurzeln und besonderer Aktivität in der Global Sumud Flotilla. Oder war es doch nur ein falscher Blick gewesen? Wir besorgten ein anderes T-Shirt für den Getroffenen, damit er nicht mehr erkannt würde. Später erfuhr ich, der Fuß war gebrochen.

Nächtlicher Psychoterror: die Soldaten schlugen mit Stöcken gegen die Container, manchmal schossen sie auch auf die Containerwände, Stroboskoplicht und Laserzielmarkierungen blendeten uns im Eingangsbereich der Schlafcontainer.
Unsere Versammlung der Gefangenen im Innenhof beobachteten Soldaten und Gefängniswärter von vier Richtungen aus, von erhöhten Positionen. Wir Ärztinnen und Ärzte baten um Schmerzmittel, Wasser und Pullover. Der Vorgesetzte der Gefängniswärter nickte freundlich zustimmend mit dem Kopf und zeigte uns den nach oben gestrecktem Daumen. Wenige Minuten später wurden die Pumpen angeschaltet, die sonst für die Reinigung des Decks verwendet werden. Der Innenhof wurde knöchelhoch mit Salzwasser überflutet, stundenlang.
Wir, die acht Ärzt*innen unter den Gefangenen, zogen Zwischenbilanz: 30 Menschen mit vermuteten Knochenbrüchen, überwiegend Rippen und Oberarme, vier mit Gehirnerschütterungen, eine Augen- und eine Ohrverletzung, ausgekugelte Oberarme, Verbrennungen durch Elektroschocker, vier Fälle sexueller Gewalt. Der „Krankenhaus-Container“ war inzwischen überfüllt, wir nutzten einen weiteren der drei Container für Verletzte. Besonders sorgten wir uns um Menschen mit Bauchschmerzen nach stumpfer Gewalt – könnten innere Blutungen unbemerkt entstehen?
Später erfuhren wir: 67 freigelassene Gefangene mussten in Istanbul im Krankenhaus medizinisch versorgt werden, zwölf Teilnehmende wurden in der Türkei und Griechenland stationär aufgenommen. Lungenriss, innere Blutungen, gebrochene Beine und Füße, Herzrhythmusstörungen….
