
20. Mai 2026, nachmittags: Handschellen und Fußfesseln statt Kabelbinder im Gefangenentransporter, sechzehn Menschen in zwei Reihen, Stahlbänke, Lichter und Fenster vergittert. Ein Mensch mit vom Schmerz verzerrten Gesicht, die Hände auf den Rücken gefesselt, die rechte Schulter schmerzend. Handschellen tief in den geschwollenen Handgelenken. „We need a doctor! Loosen the handcuffs!“, wir schlugen an die Eisentür. „Don’t do that again!“, wurden wir bedroht. Ich drückte die Schwellung mit Daumen und Zeigefinger, nach einigen Minuten bewegten wir die Handschelle wenige Millimeter. Die Schmerzen blieben. Wir froren, Klimaanlage. Kein Arzt, keine Lockerung der Handschellen.
20. Mai 2026, abends: Das Ktziot Gefängnis in der Negev Wüste, lange Mauern, 400.000 Quadratmeter Fläche, bis zu 6000 Gefangene, meist in Zelten. „Willkommen in der Hölle: das israelische Gefängnissystem als Netzwerk von Folterlagern“, so titelte die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem. 55 Palästinenser, die aus israelischen Gefängnissen und Haftzentren entlassen worden waren, sagten in dem Bericht aus – fast alle waren ohne Anklage oder Gerichtsurteil inhaftiert worden. Einer beschrieb Ktziot so: „Eine Einrichtung, in die man eingewiesen wird und schwere, vorsätzliche und unablässige Schmerzen erleidet, egal wer man ist oder warum man verhaftet wurde.“ Der britische Guardian titelt bereits zuvor, im August 2024, „Folter, Misshandlung und Demütigung: Palästinenser berichten von der „Hölle“ in israelischen Gefängnissen“. Ehemalige Häftlinge berichteten dort von sexuellen Übergriffen und Aushungerung in Gefängnissen, die als „Folterlager“ bezeichnet wurden, unter Leitung des Polizeiministers Itamar Ben-Gvir. Und die BBC titelte im April 2025: „Verätzungen, Körperverletzungen, Stromschläge“. Ein Mann berichtet, wie er mit Chemikalien in Brand gesetzt worden war.
Nackt ausziehen, drei Kniebeugen, Foto, grauer Jogging-Anzug als Sträflingskleidung, Gummilatschen, Armband mit Nummer. „Faster! Faster!“ In Handschellen, den Pullover des Vordermanns umklammernd, Blick auf den Boden, rannten wir im Gänsemarsch an bellenden Hunden vorbei. „Look down!“ Dreißig Menschen in einer neun Quadratmeter großen Zelle mit Doppelstockbett und einer Dusche, die gleichzeitig Pissoir ist. Atemnot. Vom kleinen vergitterten Fenster strömte etwas Luft nach unten, die beliebtesten Plätze waren am Boden. Mir wurde schwarz vor Augen, schnell hinsetzen. Zwei Menschen schoben sich in die Spalte unterm Bett. Wir schlugen an die Tür, Sprechchöre: „We need air!“ Die Tür wurde aufgerissen, Drohungen. Einige Verletzte konnte ich notdürftig untersuchen – Verdacht auf Rippenbrüche und durch Handschellen abgeschnürte Unterarme.
Menschen wurden hineingebracht oder herausgerufen. Die Gefängniswärter wussten nicht, in welchen Zellen die Gefangenen sind. Manche Namen konnten sie nicht richtig lesen oder aussprechen. Ein Gefangener half beim Vorlesen. Dann liefen wir in kleinen Gruppen über den Gefängnishof zu einer überdachten Halle. „Do you know what this is?“. Ein Video zeigte getötete und misshandelte Menschen. Einer antwortete: “October 7th”. “And who did that?“ „Hamas.“ „And you are helping them!?” “No.“
Mit Matratze und Decke unter den Armen wurde ich in einem vergitterten Zelt von Mitgefangenen mit offenen Armen erwartet. Erleichterung. Der Gefängniswärter schleuderte mir einen leeren Wassercontainer in die Kniekehlen. Fünfzehn Doppelstockbetten, das obere neben dem Eingang war meins. Ich streckte meine Arme nach draußen, Handschellen wurden abgenommen. Draußen lief das Video weiter. Dann kümmerte ich mich um die Verletzten. Ich konnte kaum etwas tun, dennoch waren die Verletzten dankbar. Zumindest würde ich mögliche lebensbedrohliche Verschlechterungen des Vitalzustands erkennen können, hoffte ich. Verdacht auf Rippenbrüche, Hämatome und Aufschürfungen im Gesicht, aufgeschürfte Knie, von Handschellen eingeschnürte Unterarme, unklare Bauchschmerzen nach stumpfer Gewaltweinwirkung. Die Wassercontainer wurden von einem Gefangen gefüllt. Sollten wir das trübe und braune Wasser trinken? Besser nicht. Pissoir und kleiner Eimer für Exkremente in Sichtweite der Wärter.

21. Mai, morgens: Vom Stimmengewirr wachte ich auf. Licht an, Sandwich aus dem Pappkarton, Hände aus dem Gitter, Handschellen. Polizisten wieder überfordert, zwei zivile weibliche Angestellte verlasen die Namenslisten. „Please“, „Thank you“, wo Anschreien bislang der normale Umgangston war. Ein Gefangener verblieb als letzte Person in der Zelle, fürchtete Repressalien. Glücklicherweise verlässt er wie alle anderen Gefangenen Ktziot an diesem Morgen – vermutlich aufgrund der kritischen Medienberichterstattung.
Wieder die Hände im Pullover des Vordermannes, an den bellenden Hunden vorbei. Wohin würde uns der schwer bewaffnete Gefangentransporter bringen? Jordanien? Flughafen? An Wüsten und Gebirgen, Oasen und Flussläufen, bewässerten Feldern ging es entlang und durch Ortschaften.
21. Mai, mittags: Stundenlanges Warten am Flughafen Eilat, im Süden Israels an der jordanischen Grenze, 240 Kilometer von Ktziot entfernt, bis das Terminal abgesperrt war. Fotograf*innen erwarteten uns, Handschellen wurden abgenommen. Als ich auf deutsche Konsular-Mitarbeitende zulaufen wollte, wurde ich weggestoßen. Ich stolperte weiter, auf das Rollfeld, drei wartenden Flugzeugen der Turkish Airline entgegen.

Was wir als Teilnehmende der Global Sumud Flotilla im Gefängnis Ktziot erlebten, ist wenig im Vergleich zu dem, was palästinensische Gefangene im israelische Gefängnissystem jeden Tag erdulden müssen. Überbelegung und beengte Verhältnisse in den Zellen und zu wenig frische Luft, obwohl nach den Regeln des Völkerrechts, dem internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte von 1966 (ICCPR) und den Mandela-Regeln Haftanstalten eine Mindestfläche aufweisen und ausreichend Raumvolumen und Belüftung haben müssen. Gefangengenommene Frauen der Flotilla berichteten, dass sie stündliche Zelldurchsuchungen mit Hunden in der Nacht über sich ergehen lassen mussten. Solche Durchsuchungen sind zu einer Gelegenheit für das Gefängnispersonal geworden, Gewalt auszuüben und Gefangene zu demütigen und zu erniedrigen.

Das Folterverbot ist einer der Eckpfeiler des Völkerrechts. Kein Staat darf davon abweichen oder es in Friedenszeiten, im Krieg oder im Ausnahmezustand aussetzen. Ich wusste, dass ich als privilegierter Mensch mit deutscher Staatsbürgerschaft verschleppt wurde, und dass somit Medien mein Schicksal und das der anderen Global Sumud Flotilla Teilnehmenden beobachteten und uns schützten würden. Dennoch wurde ich wie die meisten als Gefangener im Gefängnisschiff geschlagen und getreten und beim Transport ins Gefängnis Ktziot aus Schulterhöhe auf den Boden geworfen und verletzt. Gewalt und deren Androhung waren drei Tagen lang meine allgegenwärtiger Begleiter. Andere Teilnehmende der Flotilla wurden häufiger und schlimmer gefoltert. Was Palästinenser*innen erleiden, wurde von der israelischen NGO B’Tselem im Bericht „Welcome to Hell“ vom August 2024 dokumentiert und ist unerträglich.
„Sie zogen mich gewaltsam aus, zogen mir die Hose und die Unterwäsche aus und banden mir mein Hemd über den Kopf wie eine Maske.“ „Etwa 20 Wärter stürmten mit Schlagstöcken in die Zelle, die ich mir mit fünf anderen Häftlingen teilte, und schlugen etwa eine halbe Stunde lang auf uns ein.“ „Einer der Hunde biss einen Häftling in den Arm, bis er blutete. Ein anderer Hund biss mich, während ich geschlagen wurde.“ „Sie zwangen mich auch, aufzustehen, und unter der Augenbinde sah ich, dass sie eine israelische Flagge um mich wickelten und mich filmten.“ „Einer der Wachen trat hart auf meine eisernen Handschellen mit seinen Schuhen – ich schrie vor Schmerz.“ „Zwei von ihnen zog mich wie die anderen Häftlinge aus und warfen mich dann auf die anderen Häftlinge. Einer von ihnen brachte eine Karotte und versuchte, sie mir in den Anus zu schieben.“
Meine Gedanken und Gefühle sind bei den Menschen, die solche Folter erleiden mussten und immer noch müssen.
Gemeinsam gegen Folter und Grausamkeit in israelischen Gefängnissen!
